Die Alpen sind ein europäisches Politikum

Aktivistinnen und Aktivisten der Alpeninitiative protestieren gemeinsam mit Vertretern anderer Bürgerinitiativen in Brüssel gegen die Zunahme des alpenquerenden Güterverkehrs (1992 oder 1993). (Archiv Alpeninitiative)

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Romed Aschwandens hat untersucht, wie die Alpen zum schweizerischen und europäischen Politikum wurden. Seine Dissertation ist nun als Buch erhältlich.

Vier Jahre lang hatte Romed Aschwanden geforscht. Nun ist die Dissertation des 32-jährigen Historikers, der heute als Geschäftsführer des Urner Instituts «Kulturen der Alpen» tätig ist, im Buchhandel erhältlich. Zudem steht die Doktorarbeit allen Interessierten online kostenlos zur Verfügung (siehe HIER). Aschwandens Forschungsarbeit zeigt auf, dass die Alpen mehr sind als Sehnsuchtsort und Heidiland-Idylle. Der Alpenraum ist ein Politikum – und zwar auf internationaler Ebene.

Romed Aschwanden untersucht in seiner Dissertation, die er am Historischen Institut der Universität Basel eingereicht hat, wie die Alpen in den vergangenen Jahrzehnten in den Fokus der europäischen Politik geraten sind: Als Argument in politischen Diskussionen, als Gegenstand politischer Debatten und schliesslich in Form lokaler Initiativbewegungen als politische Akteure selbst.

Städter wollten Landschaft konservieren

Die Bemühungen zum Schutz der Alpen haben in den vergangenen rund 150 Jahren grob drei Phasen durchlaufen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde der Alpenraum zur schützenswerten Landschaft. Naturschützer wollten in den Bergen ein Stück heile Welt erhalten und konservieren – dies als Reaktion auf die Industrialisierung im Flachland, den Eisenbahn-Boom und die Eroberung unzähliger Berggipfel durch Bergsteiger, Bergbahnen und Hotelanlagen.

Die Alpenschützer dieser Epoche, welche die Landschaft bewahren wollten, waren in der Regel keine Einheimische, sondern kamen mehrheitlich aus einer urbanen Mittelschicht. Politisch bewegten sich diese Personen häufig in konservativen Milieus und wollten ihre Heimat in ihrem ursprünglichsten Erscheinungsbild erhalten.

Umweltbewegungen sahen Europa als Aktionsebene

In einer zweiten Phase (zirka 1970 bis 1994) fand ein tiefgreifender Wandel statt. Im Nachgang der 1968-Bewegung begannen junge Aktivistinnen und Aktivisten aus den Alpenregionen selbst, die Entwicklungen im Alpenraum zu hinterfragen. Sie forderten Selbstbestimmung über ihren Lebens- und Wirtschaftsraum mitsamt seinen Naturschönheiten und kulturellen Eigenständigkeiten. Es entstanden lokale Gruppen und Bewegungen, die sich teilweise auch in Netzwerken über die Landesgrenzen hinweg organisierten.

Die Anliegen dieser neuen Alpenschützerinnen und Alpenschützer standen im Kontext der Diskussionen über die Rolle der Alpen als Naturraum in Europa und waren eng verwoben mit dem Prozess der Europäischen Integration. Die Aktivistinnen und Aktivisten sahen die werdende Europäische Union sowohl als Bedrohung als auch als Chance: Der Europäische Binnenmarkt mit seiner internationalen Arbeitsteilung zog eine markante Zunahme des alpenquerenden Güterverkehrs nach sich, verbunden mit Abgas- und Lärmbelastung. Andererseits bot die Europäische Integration auch die Chance für eine bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Organisation der Alpengebiete – und damit einer gemeinsamen Lösung der Probleme. Schliesslich bildeten die globalen Umweltdiskurse der 1970er- und 1980er-Jahren wichtige Diskussionsgrundlagen der Alpenschutzbewegungen.

In der Schweiz gipfelten die Bemühungen der Aktivistinnen und Aktivisten in der Annahme der Alpeninitiative 1994, die den alpenquerenden Güterverkehr auf der Strasse begrenzen wollte. Alpenschutzorganisationen wie die Alpeninitiative mit ihrem Expertenwissen wurden in den Folgejahren vermehrt in die politische Arbeit eingebunden. Damit verloren sie allerdings auch ihre Dynamik als Bewegung.

Mensch und Natur sollen miteinander existieren

Die 1990er-Jahre brachte schliesslich eine dritte bis heute andauernde Phase mit einem neuen Alpenschutzgedanken an, bei dem Mensch und Umwelt nicht mehr als Gegensätze betrachtet werden, wie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ziel dieses integralen Alpenschutzes ist es, die Umwelt in den Alpen zu bewahren, zu der aber auch die menschliche Präsenz, die Besiedelung und Bewirtschaftung der Berggebiete gehören. Alpenschutz der Gegenwart denkt Natur-, Wirtschafts- und Lebensraum nicht mehr getrennt, sondern zusammen.

Aschwandens Arbeit bietet wichtige Erkenntnisse zur jüngsten Geschichte der Alpen. Mitunter liefert die Studie Hintergrundwissen zum Verständnis des immer wieder aufflammenden Konflikts zwischen «Berggebieten» und «Flachland», was sie auch für ein Publikum ausserhalb der Fachkreise interessant machen dürfte.

 

Hinweis

Die Dissertation «Politisierung der Alpen. Umweltbewegungen in der Ära der Europäischen Integration (1970-2000)» von Romed Aschwanden ist als Buch im Böhlau Verlag erschienen. Das Buch kann in der Buchhandlung Bido in Altdorf gekauft werden. HIER ist die Dissertation zudem kostenlos zugänglich.