Eine Rede über 1.-August-Reden

Was haben 1.-August-Reden mit Swissness zu tun? Der Direktor des Instituts "Kulturen der Alpen", Prof. Dr. Boris Previšić, macht sich Gedanken dazu. Eine Rede über Reden.



Es gibt wohl kaum eine Nation, in welcher die Rede zum Gründungsdatum so im Zentrum steht wie bei uns. Das ist in diesem Jahr eher schwierig geworden wegen Corona. Darum lohnt sich ein Blick zurück. Bemerkenswert ist zunächst, wo die Reden stattfinden. So hielt zum Beispiel 2017 Bundesrat Alain Berset seine Rede an drei Stationen: auf dem Julierpass, in Rorschach und in Lausanne – wahrscheinlich auf Rätoromanisch, Deutsch und Französisch. Dies ist symptomatisch für ein dezentral und konföderal organisiertes Land wie die Schweiz. Die einzelne Region ist immer noch wichtiger als ein vermeintliches Zentrum. Schliesslich ist die Bundesstadt Bern streng genommen keine Hauptstadt.


Man kann sich auch fragen, ob der Schweiz neben dem Zentralismus auch der Pomp abgeht. Schaut man etwa nach Frankreich, dann begehen die Franzosen ihren Quatorze Juillet mit einer grossen Militärparade. Der Unterschied zu Frankreich ist besonders eklatant: Hier gehört es zum guten Stil, den Festakt selbst politisch nicht hochzuhängen. So bewegt sich der 1. August als Anlass zwischen Besinnungstag und Feier. Bis 1993 war er ja nicht einmal ein bundesweiter Ruhetag. Der Nationalfeiertag wird in der Schweiz deshalb eher besinnlich begangen: Man lauscht der Rede, sichtet die Höhenfeuer und feiert im privaten Kreis. Die Feuerwerke hingegen sind wohl eher ein Importprodukt – wenn nicht gerade aus China, so zumindest aus Italien.


Zudem zeigt sich die schweizerische Zurückhaltung am Nationalfeiertag in der dezenten Nutzung des Rütlis als Ort der Rede. Und das hat sicherlich einen historischen Hintergrund: Nach dem Sonderbundkrieg 1847 war die Schweizerische Eidgenossenschaft darum bemüht, den unterlegenen Innerschweizer Kantonen keine Siegerrhetorik aufzudrücken. Das Rütli wurde 1859 von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft gekauft und der Eidgenossenschaft vermacht. Erst in den 1870er- und 1880er- Jahren – übrigens mit der infrastrukturellen Anbindung durch die neu eröffnete Gotthardbahn – wurde die Innerschweizer Nationalsymbolik um Wilhelm Tell als nationales Narrativ einem breiten Publikum verkauft. Der neue liberale Bundesstaat liess sich also Zeit. Übrigens: Je weiter vom Rütli entfernt, desto wichtiger wird es. In Genf ist «Le Grütli» eine hochemotionale Sache.


Inhaltlich erregen die Reden zum 1. August selten grosses Aufsehen. Eher ist es die Kulisse, vor der eine Rede gehalten wird, relevant. Letztmals war das bei Micheline Calmy-Rey der Fall, als sie als Bundespräsidentin 2007 auf dem Rütli sprach. Sie wählte bewusst diesen Ort, weil sich dort die Jahre zuvor die Neonazis am Nationalfeiertag etabliert hatten. So wurde ihre Rede mit einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften flankiert.


So wichtig der Ort und die Kulisse auch sind, so niederschwellig wird der Inhalt vermittelt. Und dies durchaus in allen Reden. Zentral ist die Schweizer Vielfalt. Weder Sprache noch Herkunft hält die Schweiz zusammen. Vielmehr wird immer betont, dass wir eine Willensnation sind, die für ihre Unabhängigkeit und Offenheit einsteht. Gerade aus einer Innerschweizer Perspektive erscheint das zunächst als Widerspruch. Hatten wir nicht auch während dem Zweiten Weltkrieg und noch in der Zwischenkriegszeit das Réduit, das so etwas wie den Kern der Schweiz zu bilden schien?


Doch gerade anhand des Gotthards wird exemplarisch deutlich, was der innere Kern der Schweiz bedeuten könnte. Hier lohnt sich ein zweiter historischer Rückblick: Vor und während dem Zweiten Weltkrieg war die Schweiz umzingelt von totalitären Regimen. Anstatt das Risiko wie während des Ersten Weltkriegs einzugehen, dass sich die verschiedenen Sprachgruppen den jeweiligen Nationen anschliessen könnten, entwickelte man die Geistige Landesverteidigung. General Guisan verwendete als Symbol den Granit des Zentralalpenmassivs.


Und genau dieses Symbol der Verteidigung beruft sich auf europäische Visionen jenseits des Nationalen: Der Gotthard, die Schweiz als «Dach von Europa», vereint die verschiedenen Kulturen des okzidentalen Europa. Gleichzeitig ist der Gotthard auch die europäische Verbindungsstrecke zwischen Nord und Süd – übrigens im Zweiten Weltkrieg zwischen den Achsenmächten Italien und Deutsches Reich. Praktisch alle Reden zum Ersten August bewegen sich zwischen den Polen Offenheit und Unabhängigkeit, zwischen Durchlässigkeit und Abschottung. Je nach politischem Lager werden die Pole unterschiedlich gewichtet. Doch die Verbindung der beiden Extreme ist Grundprogramm.


Natürlich gibt es noch weitere Besonderheiten von Erste-August-Reden. Auffällig ist die Referenz auf Jubiläen. So nahm Bundesrat Willi Ritschard 1978 anlässlich des Jubiläums des internationalen roten Kreuzes auf die humanitäre Tradition Bezug. Kurt Furgler wiederum betonte 1985 zum 40. Geburtstag der Vereinten Nationen, die Schweiz dürfe sich nicht immer ins Abseits stellen. Die Schweiz sieht sich in der Vorbildrolle, auch wenn sie in manchen Belangen wie dem Frauenstimmrecht oder dem UNO Beitritt deutlich verspätet war.


Natürlich ist der Erste August selber immer Gegenstand von Reden. Grundsätzlich kann man festhalten, dass je nationalkonservativer eine Rednerin, ein Redner ist, desto weiter greift seine Rede in die Vergangenheit zurück. Doch da gibt es natürlich noch die Geschichte, wie es überhaupt zum Geburtstag der Schweiz kommt. Nach der Geschichtsschreibung von Aegidius Tschudi war es lange Zeit im 19. Jahrhundert eigentlich der Martinstag, also der 8. November 1307. So jedenfalls steht es auch auf dem Telldenkmal. Bis dann der Bundesstaat – sei es nur, um so schnell wie möglich den 600. Geburtstag zu feiern – aufgrund einer neuen Quellenlage den 1. August 1291 festlegte und diesen dann 1891 erstmals auch richtig feierte. Zufall? Ich weiss es nicht.


Doch was man vor fünf Jahren, 2015, auch erleben durfte, ist die Berufung auf das Jahr 1315, die Schlacht von Morgarten als wichtiges Ereignis für unser eidgenössisches Selbstverständnis. Ob da gewisse Bevölkerungsteile einfach die Lust verspürten, wieder eine bisschen auf den Putz zu hauen, oder ob es historisch überhaupt von Belang ist, ist unter Historikern mehr als umstritten. Darum berufen sich liberalere Geister sicherheitshalber einmal auf die Helvetische Republik zwischen 1798 und 1803 oder nehmen auf die Verfassung des Schweizerischen Bundesstaats 1848 Bezug.


Manch einer mag sich nun fragen, warum ich mir das antue und Rede um Rede aus Archiven ausgrabe und mir anhöre. Da kommt meine Leidenschaft für Rhetorik, mir der ich mich in meinem früheren Leben als Musiker und Literaturwissenschaftler beschäftigt haben. Denn abgesehen vom Inhalt, dem man zustimmen kann oder nicht, darf man sich durchwegs fragen: Woran erkennt man eigentlich, ob eine Rede gut gemacht ist? Während die politische Rede oft programmatisch ist, findet man den klassischen rhetorischen Aufbau eher bei literarischen Reden, etwa bei Schriftstellern. Sie beginnt mit der klassischen Captatio, in welcher der Zuhörer gepackt und abgeholt wird. Der Redner sollte dann erklären, worum es geht. Es folgt die Ausführung der Argumente. Ein guter Redner geht anschliessend auch auf die Argumente der Gegner ein – in der so genannten Refutatio. Am Schluss kommt eine Zusammenfassung, in der ein Fazit gezogen wird.


Und hier kommt meine Lieblingsrede, die Pedro Lenz am 1. August in Thun gehalten hat. Es ist wohl die meistgeklickte 1. August-Rede im Internet, in welcher der Mundartschriftsteller argumentiert, die Schweiz gebe es nur als Idee, und die Idee sei, dass wir füreinander Sorge tragen. Es gibt in dieser Rede viele klassische Redefiguren, die Reihenfolge stimmt, sie ist voller eingängiger Rhythmen und Wortfolgen, gesprochen fast wie ein Rap. Gleichzeitig ist es eine echte, patriotische Rede. Natürlich fragt sich die Leser, die Leserin, warum ich eine solche Rede patriotisch nenne, sind wir uns doch Anderes von den klassischen Schweizer Schriftstellern wie Friedrich Dürrenmatt oder Max Frisch gewohnt, welche sich zur Schweiz oft kritisch oder gar spöttisch äusserten – was damals dem Zeitgeist des Kalten Kriegs und der darauf folgenden Fichenaffäre entsprach.


Pedro Lenz’ Rede ist hingegen keine Verballhornung, sondern getrieben von der Sorge um die Bewahrung der Schweizer Einmaligkeit in ihrer Vielfalt, Solidarität und Offenheit. Eigentlich ist sie eine Rede über Erste-August-Reden – wie meine Rede nun auch. Patriotismus ist im Fall der Schweiz inzwischen nicht mehr gewissen politischen Kreisen vorbehalten. Das hat sich die letzten dreissig Jahre grundsätzlich geändert. Noch zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft waren es eher nationalkonservative Kreise, die sich explizit patriotisch positioniert haben. Inzwischen sind es Vertreter jeglicher Couleur.


Auf den Punkt gebracht: Swissness ist en vogue. Der Begriff ist um das Jahr 2000 im Rahmen der Expo aufgetaucht. Zunächst war das wohl eher ein Marketinggag. Geändert hat sich die Haltung vermutlich aufgrund verschiedener knapp ausgegangener Abstimmungen, die mal zu Gunsten der Abschottung ausfielen und ein anderes Mal zu Gunsten der Offenheit. So haben auch liberalere Geister gemerkt, dass sie einen Patriotismus in Anschlag bringen dürfen, der Schweizer Qualitäten der jüngeren Zeit hochhalten darf.


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