Urner Institut untersucht Gletscherfund aus der Steinzeit

Bereits vor 10'000 Jahren suchten Menschen in den Urner Bergen nach Kristallen. Das beweist ein Fund am Oberalpstock. Dieser soll nun wissenschaftlich vertiefter untersucht werden. Dazu ist Ende Sommer eine weitere Notgrabung auf 2800 Meter über Meer geplant.



Ein einheimischer Kristallsucher machte im Sommer 2013 am zurückschmelzenden Brunnifirn-Gletscher eine spezielle Entdeckung. In der Kristallkluft stiess er auf Holzreste, Geweihstangen und Kristallsplitter. Schnell wurde klar, dass an jener Stelle bereits einmal Menschen Kristalle abgebaut hatten. Die damaligen Strahler nutzten die Geweihstangen als Werkzeuge; das Holz, um Feuer zu machen. Das Gletschereis hatte die entdeckten Gegenstände während Jahrtausenden luftdicht konserviert.

Die Fundstelle liegt im Bereich Stremlücke auf dem Gemeindegebiet von Silenen auf rund 2800 Meter über Meer – zwischen dem Bündner Vorderrheintal bei Disentis/Sedrun und dem Urner Maderanertal. Untersuchungen mittels Radiokarbondatierungen ergaben, dass die Geweihstangen und Hölzer aus der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) stammen. Die Menschen müssen die Stremlücke also schon in der Zeit von 7500 bis 5800 Jahren vor Christus regelmässig begangen haben – also rund 4000 Jahre vor Ötzis Bergtour in den Südtiroler Alpen. Damit sind die Funde von der Stremlücke die ältesten Spuren von Menschen im Kanton Uri und gehören zu den ältesten im Eis konservierten Artefakte im ganzen Alpenraum überhaupt.

Neue Untersuchungen im Spätsommer

«Dieser Fund ist für die Wissenschaft von grösster Bedeutung», sagt Gletscherarchäologe Marcel Cornelissen, der im Auftrag des Kantons Uri und des Urner Instituts «Kulturen der Alpen» an der Universität Luzern in Altdorf arbeitet. Nun soll die wissenschaftliche Aufarbeitung vertieft werden: «Wir wollen mehr darüber erfahren, wie die Menschen im Alpenraum während des Mesolithikums gelebt haben. Über die damalige Gesellschaft wissen wir noch sehr wenig.» Überdies hoffen die Forscher, Aufschlüsse über die Klima- und Gletschergeschichte zu erhalten.

Der Kanton Uri, der für archäologische Funde zuständig ist, wird Ende Sommer die Stelle auf 2800 Meter über Meer nochmals untersuchen. Das Institut «Kulturen der Alpen» wird die Funde anschliessend wissenschaftlich aufarbeiten. «Für die Untersuchungen vor Ort haben wir nur ein kleines Zeitfenster», sagt Gletscherarchäologe Cornelissen. Erst Ende August respektive Anfang September dürfte die Stelle völlig schneefrei sein. «Danach müssen wir auf dieser Höhe bereits wieder mit Neuschnee rechnen.»

Kristalle wurden vor Ort zu Werkzeugen verarbeitet

Bereits 2015 und 2017 (siehe Bild) führte der Archäologische Dienst des Kantons Graubünden in Zusammenarbeit mit dem Kanton Uri erste Untersuchungen in der Kristallkluft durch und entdeckte weitere Überreste aus der Steinzeit. Die Funde zeigten, dass die Menschen die Kristalle gleich vor Ort weiterverarbeitet haben. Die Menschen machten aus den Bergkristallen Werkzeuge. So fanden die Archäologen bei der Stremlücke beispielsweise Klingen, Pfeilspitzen, Bohrer und Kratzer. Bisher konnten die Archäologen aber erst einen kleinen Teil der damals geborgenen Artefakte wissenschaftlich untersuchen.

«Die entdeckte Kristallkluft steht in einem grösseren Kontext», sagt Cornelissen. Jäger und Sammler der Mittelsteinzeit sowie die Bauern der Jungsteinzeit nutzten Bergkristalle, um Werkzeuge herzustellen. Fundstellen im ganzen Alpenraum – unter anderem auch im Kanton Uri – belegen eine frühe Kristallverarbeitung. So brachten beispielsweise 2010 Ausgrabungen auf dem Areal des heutigen Golfplatzes bei Hospental erodierte Reste eines mittelsteinzeitlichen Lagerplatzes zum Vorschein, auf dem Menschen vor 8000 Jahren Kristalle zu Werkzeugen verarbeitet hatten. Oberhalb von Hospental am Bäzberg im Gebiet Rossplatten entdeckten Forscher 1990 zudem einen vergleichbaren Bearbeitungsplatz aus der Jungsteinzeit, weitere Kristallartefakte wurden auch zwischen Hospental und dem Gotthardpass geborgen.

Institut will 2021 erste Resultate präsentieren

Das Institut «Kulturen der Alpen», das die Funde wissenschaftlich aufarbeiten respektive kontextualisieren wird, ist aktuell noch daran, die Projektfinanzierung sicherzustellen. «Für unser Institut ist dieses Projekt ein riesiger Glücksfall», sagt Geschäftsführer Romed Aschwanden. «Ein solcher Fund ist im Alpenraum einzigartig.» Erste Untersuchungsresultate sind Ende 2021 zu erwarten.

Das Institut «Kulturen der Alpen» befindet sich an der Dätwylerstrasse 25 in Altdorf und ist seit November 2019 in Betrieb. Der Kanton Uri und die Universität Luzern bauen es gemeinsam auf, um verschiedene Forschungsprojekte mit regionalen und gesamtalpinen Fragestellungen im Kontext globaler Herausforderungen durchzuführen. Zudem organisiert das Institut wissenschaftliche Tagungen – dies als Beitrag zur lokalen Verankerung und zur Förderung der interdisziplinären Forschung. Finanziert und unterstützt wird das Vorhaben durch den Kanton Uri und die Dätwyler-Stiftung. Wichtige Fördergelder für den Aufbau des Instituts im Sinne einer Anschubfinanzierung stammen aus der Neuen Regionalpolitik (NRP). Eine enge Zusammenarbeit existiert zudem mit dem Historischen Institut der Universität Bern..




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