Berge und Waelder
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Äs herbschtelet vorzuä im Leebä

Äs herbschtelet vorzuä im Leebä

Sie begegnet mir zum ersten Mal im Senioren- und Gesundheitszentrum Ursern. Nicht in Fleisch und Blut, sondern als Namen auf einem Gedichtband und im Strahlen der Augen meines Vis-à-Vis, der mir die Publikation über den Tisch zuschiebt: Marie Meyer-Bollschweiler. Um sie persönlich zu treffen, hätte ich früher zur Welt kommen müssen. Die «Dichterin vom Urserntal» hat von 1872 bis 1957 gelebt. Jetzt halte ich überrascht einen Auszug aus ihrem Werk in meinen Händen – «Us yysem Urschnertall». Auf dem Cover: eine Radierung von Andermatt. Maries Foto finde ich auf Seite 5: eine Frau in ihren Siebzigern vielleicht, Achtzigern, mit wachen Augen, schneeweissen Haaren und einem schwarzen Pullover. Ihr Ausdruck: schelmisch. Keck. Ich freue mich, ihre Bekanntschaft zu machen.

Marie Meyer-Bollschweiler sei eine besondere Frau gewesen, erinnert sich mein Gegenüber. Sie habe wundervoll Klavier gespielt, den Kindern in ihrem Häuschen drüben am «Lunggenstutz» beim Mühlibächli Musikunterricht gegeben und, eben, diese Mundart-Gedichte geschrieben. Bei der älteren Talbevölkerung klingen die Verse noch immer nach. – Ob ich das Büchlein ausleihen wolle? Ich nicke erfreut, packe es in meinen Rucksack und verspreche berghoch und heilig, es zurückzuschicken. Später am Abend rieche ich verstohlen daran. Es sind Jahrzehnte, die mir in der Nase kitzeln. Das berührt mich. Ich schliesse die Augen, lasse mit dem rechten Daumen die Seiten springen, den Zufall spielen, stoppe: «Äs herbschtelet», lese ich. «Luäg, d Beergä nouchä / äs schlyychä Neebel umänand / und d Hundäberri wedä routi / und d Schwalbä flyygä i wermers Land.»

Wie passend. Ein weiterer Sommer winkt uns zum Abschied. Ein heisser, trockener war’s, der das Grün aus den Wiesen gebrannt, die Äpfel früh zu Fall gebracht, den Bächen zugesetzt hat. Und nun? Wieder Nebelschwaden … und mit ihnen dieses Ziehen und Zerren in der gefiederten Brust. Für viele Zugvögel naht die Zeit des Aufbruchs in den Süden. Ich muss an das Reussdelta denken, an die Inseln da: Neptun und Lorelei. Sie sind aus dem Innersten bergiger Bäuche erbaut, wurden künstlich aufgeschüttet. Kalk und Mergel. Metamorphes wie Gneis. Rausgedonnert beim Tunnelbau, im See zu Eiland geworden und zur letzten, grossen «Vogel-Tankstelle» vor dem Gotthard. Hier sammeln Krickenten und Grünschenkel Futter und Kraft, auch Feldsperlinge, Schafstelzen und Schwarzkehlchen. So manch ein Ornithologe und Naturfotograf dürfte gerade das Teleobjektiv putzen, sich bald auf die Lauer legen. Während in den Wäldern und Bergen anderweitig gejagt wird. Auch davon erzählt das Gedicht: «Äs herbschtelet – iär oormä Gemschi / o fliäet i diä heeychschtä Greet! / Der Alois isch schou go spiäglä / wo s eppis appäzschiässä het.»

Hier klopft ein Herz sich aus, endet ein Leben – dort beginnt ein neues. Wer den Film «Die Nomadin der Reuss» gesehen hat, weiss: Bald wandert die bedrohte Urner Seeforelle stromaufwärts, um abzulaichen. Wobei «wandern» zu sehr nach Freizeitvergnügen und Studentenfutter klingt. Der eindrückliche Fisch kämpft gegen den Strom, unerschrocken, ringt und springt sich hoch … soweit es geht. Unterwegs sind Stromschnellen zu überwinden, versperren Querbauten den Weg. Auch das Wasserkraftwerk in Amsteg erschwert die riskante Reise. Aber es gibt zupackende Hände, die den Getriebenen hochhelfen bis in den Intschitobel. Im Film zeigen faszinierende Aufnahmen, wie die Fische am Ziel den Untergrund auflockern, ihre Eier tief im Kies ablegen. Während die weit gereiste Nomadin in den Urnersee zurückschwimmt, beginnt oben im Fluss ein neuer Lebenszyklus.

Die Natur erzählt also auch in Uri ihre Herbstgeschichten. Sie handeln von Reisen, vom Ringen, vom Reifen … und vom Loslassen. Das lässt viele von uns nicht unberührt. Vielleicht zieht und zerrt es diese Tage auch in Ihrer Brust? Dann dürften die Worte von Marie Meyer-Bollschweiler Anklang finden. Ihr Gedicht endet mit wohltuender Weisheit: «Äs herbschtelet vorzuä au im Leebä / mä magg si mit Humour dri schickä / und Suurs und Siässes underänand / mit guätem Willä appäschlickä.»