Berge und Waelder
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AUF UND AB – Eine pneumatische Liebeserklärung - Joachim Schloemer

AUF UND AB – Eine pneumatische Liebeserklärung

Ich stehe im hölzernen Abfahrtsunterstand für eine Luftseilbahnfahrt von Spiringen nach Chipfen. Ich bin kein geübter Luftseilbahnfahrer, meine Erfahrungen enden beim Skilift – und der hat, wie ich schnell lerne, wenig mit einer Luftseilbahn zu tun. Und noch weniger mit einem «Schiffli» mit offenen Seitwänden.

Vor mir ein grauer Kasten, darüber ein Hinweisschild: Die Einzelfahrt kostet zwölf Franken. Nur: Wie bezahle ich? Ich öffne den Metallkasten. Aha! Ein Automat mit Telefon. Jetzt gilt es, Münzen oder Jetons einzuwerfen, die ich aber nicht habe: «Gehen Sie zum Lädeli, oder dem Amt, oder der Gaststätte für den Kauf eines Jetons, oder werfen Sie die nötigen Münzen ein.» Münzen habe ich keine, nur Scheine. Es ist Mittagszeit. Die Gaststätte hat seit einem halben Jahr geschlossen. Also Wechselgeldsuche statt Gipfelsturm.

Zwei Stunden später stehe ich wieder vor dem Kasten. Jeton einwerfen, Klingeln abwarten. Es klingelt, nein, es scheppert, der ganze Kasten vibriert. Das bedeutet: einsteigen – man sollte die Anleitung zuerst lesen – und dann auf das Alarmzeichen warten. Ich gehe zur Türe der, von geübteren Luftseilbahnfahrer:innen genannten, Apfelkiste. Verzweifeltes Ruckeln. Wie geht diese Türe auf? Der Laie weiss es nicht, aber schon ertönt der durchgehende Ton.

Jetzt heisst es: Achtung, einfach hinein in die Kiste, irgendwie – ein Schönheitspreis wird nicht verteilt – und Abfahrt. Meine erste Seilbahnfahrt in einer offenen Gondel. Es schwebt, es surrt, es gleitet. Paragliding bergauf. Ich richte mich aus meiner halb liegenden Position auf, setze mich, halte die Luft an und denke: Die Berge sind mir wohlgesonnen.

Nach dem Umstieg aus der Spiringen–Chipfen-Seilbahn geht es weiter in einer zweiten offenen Gondel von Chipfen nach Tristel. Der Münzeinwurf klappt inzwischen, der Einstieg ist fast schon elegant. Die Fahrt, auch hier, atemberaubend. Oben angekommen spüre ich ein wenig Atemnot. Ob das am Wetter liegt, an der schnellen Höhenüberwindung oder an meinem Alter, weiss ich nicht. Ein Blick ins Handy verrät: Schneller passiver Höhengewinn kann zu einer physiologischen Reaktion führen, weil Luftdruck und Sauerstoffpartialdruck abnehmen. Der erlebnissuchende Flachländer, der meint, er könne nach der Ankunft sofort loslaufen, muss sich erstmal erschöpft setzen.

Auf der gegenüberliegenden Seite schaue ich auf die schneebedeckte Bergkette des Schächentals und denke: Göttergleich. Plötzlich bin ich mitten in Wagners «Ring des Nibelungen»: Hier oben sitze ich in Walhall, der von Riesen erbauten Götterburg, unten im Tal, unsichtbar hinter Fels und Wald, wohnen die Zwerge mit Alberich und schmieden ihr Gold. Grosse Oper.

Es geht auf und ab im Leben. In den Fahrten mit den Seilbahnen habe ich ein Äquivalent gefunden, das zur Metapher meines Lebens werden könnte. Für zwölf Franken, mal mehr, mal weniger, schaffe ich es schnell aus jeder Talsohle ans Licht – oder in den dichten Nebel mit knietiefem Schnee. Egal, was mich oben erwartet: Es ist oft unerwartet. Ich nehme die Anpassungsschwierigkeiten meiner Lunge gerne in Kauf, denn der andere Blick auf das, was unter mir liegt, zeigt vor allem eins: Es gibt immer einen Weg.

Hier oben stelle ich mir die Fragen anders: Wie wird das nächste Jahr? Was wird mir die Zukunft bringen? Wie soll ich das alles schaffen? Probleme werden nicht gelöst, nur weil man nach oben fährt. Aber etwas verschiebt sich. Vielleicht ist es nur der Zwang, nicht alles jedem beweisen zu müssen. Vielleicht ist es die Entscheidung, jetzt nach oben zu fahren, statt im Tal zu bleiben. Vielleicht ist es auch das Eingeständnis, dass ich Zeit brauche – und sie mir nehmen muss –, um mich zu akklimatisieren, falls ich hoch hinaus möchte.

Die Last des Alltags – vom Tal auf den Berg, in den Weltraum – wird leichter, obwohl die Luft pro eintausend Metern weniger Sauerstoffmoleküle bereithält und das Herz schneller schlägt, um den reduzierten Sauerstoffgehalt durch den Körper zu transportieren. Mein Rucksack wird leichter, weil etwas von meinen Schultern fällt, von dem ich vorher nicht wusste, dass ich es trage.

Zurück zum Einstieg. Jeder Einstieg bedeutet, dass auch irgendwann ausgestiegen wird, ob es nach oben oder nach unten geht. Ob es auf dem Riesenrad oder in der Seilbahn ist. Eingestiegen wird, ausgestiegen wird! Was sich verändert, ist mein Gefühl zum eigenen Atem. Die Höhe, der schnellere Atem, ist wie ein kleiner Glücksmoment – nicht nur physiologisch, sondern weil er mir eine Erkenntnis birgt.

Die Seilbahn, gerade die personifizierte, also die, die fährt, weil jemand Geld einwirft oder anruft, ist für mich etwas Selbstbestimmtes. Ausser ich habe keinen Jeton oder genügend Münzen. Dann fahre ich später. Ich kann sagen: Jetzt ist eine gute Zeit. Jetzt geht es nach oben. Und ich bestimme selbst, wann ich bereit bin, dass es wieder nach unten geht. Welch ein Glück muss es sein, denke ich bei meiner letzten Abfahrt, in einem Kanton wie Uri zu leben, in dem die vielen Seilbahnen erlauben, sich immer wieder neu für oben oder unten zu entscheiden.

Am Rand der Linie – zum ersten Mal erkunden Stipendiaten am Urner Institut Kulturen der Alpen, warum Uri soviel mehr ist, als ein Nadelöhr auf der wichtigsten Nord-Süd-Achse Europas. In einer Kolumnenserie teilen sie Geschichten der besonderen Art.