Sechs Wochen sind es nun, in denen ich als Kulturschreiberin in Uri weile. Meinem Auftrag, dem Verhältnis von Transitverkehr und der damit verbundenen Kultur auf den Grund zu gehen, widme ich mich zwar vor allem in Altdorf. Doch die Berge locken mich immer wieder weg vom Schreibtisch, hinaus und hinauf. Zuletzt war ich im Maderanertal unterwegs. Dort entzücken mich nicht nur der wunderbare Ausblick und der erfrischende Sprung in den Bergsee, sondern auch die vielen Bergkristalle, die mir immer wieder aus kleinen Auslagen entgegenfunkeln.
Sie kosten oft nur einen Franken oder zwei, die Preise scheinen in der Regel mit der Grösse anzusteigen, und liegen auf improvisierten Auslagen zum Verkauf bereit. Ich komme an einem Holztisch mit blauen Plastikbehältern vorbei, bei dem ein ausgehöhlter Baumstamm als Kasse dient, an einem kleinen Glashaus, das mit dem Urner Wappen und der Schweizer Fahne geschmückt ist, an einer unscheinbaren Aushöhlung im Fels, in der noch ein einzelner Kristall liegt, oder an aufgestellten Holzboxen.
Auch ich nehme einen solchen Kristall mit. Ein schönes Souvenir, finde ich. Ein kleines Stück Bergwelt für daheim.
Natürlich machen mich die vielen selbstgezimmerten Verkaufsstände neugierig. Bei meiner Suche nach ihrem Ursprung stosse ich auf die Tradition des Strahlnens. Was den meisten Urner:innen sicher längst bekannt ist, ist für mich eine neue Erkenntnis: In dem, was dort so unscheinbar zum Verkauf liegt, stecken Erfahrung, Geduld und Können. Und eine traditionsreiche Beziehung zwischen Mensch und Natur, die auf über Generationen gewachsenem und weitergegebenem Wissen beruht.
Auf einen Hinweis darauf, wie weit diese Tradition zurückreicht, stosse ich ausgerechnet auf dem Blog des Instituts Kulturen der Alpen, das mich als Kulturschreiberin beheimatet. Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurde sich dort mit einer ganz besonderen Entdeckung auseinandergesetzt: Im Artikel berichtet der Archäologe Marcel Cornelissen von einer Fundstelle unweit meiner eigenen Wanderung, bei der Stromlücke zwischen dem Maderanertal und der Surselva. Dort gefundene Kristallscherben und Werkzeuge zeigen, dass Menschen bereits vor rund 10000 Jahren Bergkristalle nutzten, wenn gleich die Kristalle damals andere Verwendungszwecke gefunden haben als die heutigen Souvenirs am Wegesrand. Entdeckt wurde der Fund 2013 vom Strahlner, Heinz Infanger der damit gewissermassen auf die Spuren seiner steinzeitlichen Kolleg:innen stiess. Und selbst diese, so schreibt Cornelissen, «waren keine Entdecker in einem unerforschten Land. Sie bewegten sich in einer ihnen bekannten und gekannten Landschaft voller Geschichten und Traditionen, die weit über die Lebensdauer einzelner Personen hinaus bestand.»
Dieser Gedanke gefällt mir: Was heute wie die individuelle Suche nach einem verborgenen Schatz erscheint, ist Teil einer viel älteren Beziehung zum Berg. Und auch der Kristall selbst erzählt eine Million Jahre lange Geschichte, die weit über die der Menschen, die ihn suchen und finden, hinausreicht.
Vielleicht erklärt sich daraus auch, weshalb zum Strahlnen nicht nur das Wissen gehört, wo sich Kristalle finden lassen, sondern auch wie man mit ihnen und dem Berg umgeht. Der Ehrenkodex der Schweizerischen Vereinigung der Strahler, Mineralien- und Fossiliensammler «verpflichtet zu verantwortungsbewusstem Strahl[n]en, Sammeln, Verkaufen und Handeln und richtet sich gegen Raubbau, Verwüstung, Gewinnsucht».
Das klingt zunächst selbstverständlich. Ist es aber vielleicht gerade deshalb nicht, weil das Strahlnen eine Form des Umgangs mit Rohstoffen zeigt, die heute eher ungewöhnlich ist. Bei anderen mineralischen Rohstoffen wie Lithium, Kupfer oder seltenen Erden, die für Batterien, Stromnetze, Rechenzentren und viele weitere Technologien benötigt werden, gehen mit dem industriellen Abbau oft erhebliche Eingriffe in Landschaften und Ökosysteme und das Leben lokaler gemeinschaften einher, die weit über den einzelnen Fundort hinausweisen können Noch spürbarer sind die weitreichenden Folgen bei der Extraktion und Verbrennung fossiler Brennstoffe.
Die kleinen Kristalle am Wegrand sind natürlich kein Gegenmodell dazu. Aber sie machen etwas sichtbar, das bei anderen Rohstoffen leicht vergessen geht: Ihr Wert liegt nicht allein in ihrem Preis. Er liegt auch in ihrer viele Millionen Jahre alten Geschichte, und in Traditionen, die das Wissen um sie über Generationen weitergeben.
Vielleicht ist ein Bergkristall deshalb ein so schönes Souvenir: Man nimmt ein Stück Berg mit nach Hause. Und merkt erst dort, dass man damit auch ein Stück Verantwortung mitgenommen hat.
Bei meiner weiteren Recherche stosse ich übrigens auch noch auf eine unerwartete Verbindung zu meinem eigentlichen Auftrag als Kulturschreiberin: dem Verhältnis von Transit und Kultur. Beim Bau des Gotthard-Basistunnels und auch bei dem der zweiten Gotthard-Strassenröhre war und ist nämlich das Wissen der Strahlner gefragt. Einer von ihnen, Peter Amacher, war dort als Mineralienaufseher im Einsatz. Nach den Sprengungen untersuchte er die freigelegten Gesteinsschichten nach Mineralienklüften und sicherte besondere Funde für die kantonale Sammlung und die Forschung.
Seit meiner Wanderung im Maderanertal weiss ich jedenfalls: So ein kleiner Bergkristall ist ein geschichtsträchtiges Souvenir, das weit in die geologische Tiefenzeit zurückreicht.