Bin ich Gast oder Eindringling, frage ich mich, als ich langsam durch den Tunnel schreite. Es ist eine ungewohnte Perspektive: Als Fussgänger im Innern einer Eisenbahnbrücke bin ich Teil der Infrastruktur. Wie kam es dazu? Mit dem Bus fuhr ich bis Amsteg, spazierte am Kraftwerk vorbei. Es befindet sich im Innern des Bergs, die Bauten sind nur noch Fassade. Zum Wanderweg durch ein Gebiet namens Chalberreisti Richtung Ried, vorbei an der Wegkapelle Resti, die wie das Kraftwerk den SBB gehört, durch ein Waldstück mit einem hübschen Picknickplatz. Dort, am Waldrand, zweigt ein unscheinbarer Weg rechts ab in die Schlucht zur Eisenbahnbrücke über die Reuss. Eine Treppe aus Metall ermöglicht es, zum Betonträger hoch und unter der Brücke durchzugehen; es gibt einen öffentlichen Gang im Sockel. Den Boden bildet ein Gitter; das Licht kommt in diesem Tunnel von unten. Ich schwebe über der Schlucht und bin doch in der Brücke.
Langsam über die Reuss schreitend, denke ich an die anderen Tunnel, von denen es in Uri geradezu wimmelt – Gotthard, Axenstrasse, Seelisberg: Wer nach Uri will, muss meistens erst mal untendurch. Auch über die Pässe geht es durch Tunnel und Galerien; der älteste Durchgang heisst passend «Urner Loch». Nicht nur Züge und Autos fahren unter der Erde durch, es sprudeln da auch Dorfbäche, fliessen Druckwasser-, Strom- und Datenleitungen. Dazu kommen Bunker und Stollen, die einst der Landesverteidigung dienten und heute als Käsedepot, Wertsachenlager oder Datensafe genutzt werden. Früher mal wollte sich die Schweiz im Kriegsfall komplett im Berg verstecken – heute, im Zeitalter der Drohnen, reaktiviert man dieses Denken, derweil andere eine zweite Autoröhre graben. Auf manchen Autobahngaleriedächern wächst bereits Gras und weiden Ziegen; in Andermatt spriesst ein ganzes Quartier aus einem Betonsockel, darüber ist eine stille und, als ich durchging, menschenleere Fussgängerzone.
Auf der anderen Seite der Eisenbahnbrücke gelange ich nun aber direkt auf die Gotthardstrasse. Es gibt eine Bushaltestelle mit Bänkli, und zu dieser führt wohl der Eisenbahnbrückentunnel. Gehsteig hat es keinen, und so spaziere ich eine Weile am Strassenrand, zurück nach Amsteg. Gibt es einen Weg unter der Autobahn durch zur Reuss hinab, frage ich mich, sehe einen Tunnel, aber er ist abgesperrt, dient vielleicht der Wartung. Die Gotthardstrasse mündet in einen Autotunnel, da kann ich zu Fuss nicht mehr weiter. Klettere stattdessen den Wald hoch, hoffend, auf einen Holzweg oder zum Wanderweg zu gelangen, was sich als relativ mühsam erweist.
Tunnel erleichtern das Vorwärtskommen, denke ich, kraxelnd im Dreck zwischen Felsen am Hang. Sie ermöglichen es, Hindernisse zu umgehen, kürzen die Fahrzeit und schützen vor Steinschlag und Lawinen. Es lässt sich darin etwas verstecken und lagern. Sie geben aber auch eine Richtung und die Geschwindigkeit vor, regulieren den Zutritt und die Fortbewegungsart. Fussgänger spielen in diesem unterirdischen Netz eine Nebenrolle, dürfen manchmal, etwa zwischen Bauen und Isleten, neben, manchmal über und hier eben unter dem Hauptverkehrsmittel durch. Wie unbedeutend, aber doch, wie frei ist, denke ich mir, da im Vergleich zu Zug und Auto der langsam vorwärtsschreitende Mensch. Und klettere über einen Zaun.