Sommerpause - nostalgische Eigenheit oder zukunftsweisendes Modell? - Zohra Briki
Seit etwa zwei Wochen darf ich nun als Kulturschreiberin in Altdorf leben. Täglich begebe ich mich seither auf Streifzüge durch den Urner Hauptort, flaniere durch die Strassen, erfreue mich an der Aussicht, wenn man die Höhenmeter bis zum Kulturkloster zurücklegt, oder studiere lokale Spezialitäten auf den Speisekarten der Gasthöfe. Manchmal führt mich die Neugier allerdings auch vor wortwörtlich verschlossene Türen. Denn an vielen Eingängen begegnet mir aktuell derselbe Hinweis: Sommerpause.
Das Museum, dem ich einen Besuch abstatten wollte, und das Café, das mir empfohlen wurde, haben aktuell zu. Auch der Kinobesuch musste zunächst vertagt werden, ebenso lassen die erste Einkehr in das Restaurant gegenüber meiner Wohnung oder das Erproben der Bar um die Ecke noch etwas auf sich warten.
Zum Glück bin ich noch bis Ende September hier und werde all diese Dinge früh genug nachholen können. Und sowieso: Langweilig wird mir hier nicht. In den nur knapp vierzehn Tagen in Uri haben mir, nebst Ausflügen in die Berge und an den See, schon zwei Ausstellungen, drei Konzerte, einige feine Mahlzeiten und viele herzliche Begegnungen das Ankommen in Altdorf leicht gemacht.
Trotzdem bleiben meine Gedanken noch ein wenig an der Sommerpause hängen. Für jemanden wie mich, der aus einer grösseren Stadt kommt, ist es ungewohnt, dass so viele Betriebe gleichzeitig geschlossen bleiben.
Auf die Frage danach, ob diese alljährliche Unterbrechung auch abseits von Ferien und Sommerhitze ihre Begründung oder Tradition findet, bin ich nicht direkt fündig geworden. Dafür stosse ich jedoch auf einiges an Material dazu, dass besonders die Bergregionen seit jeher stark von saisonalen Bedingungen geprägt sind – und es in vielerlei Hinsicht bis heute bleiben.
Einen ganz unerwarteten Hinweis darauf finde ich etwa in einem Bericht der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons, in dem es unter anderem um Alpdispensationen geht. Bei solchen, so steht es im Urner Rechtsbuch, können Schüler:innen «Beurlaubungen für die Alpzeit [...] bei familieneigenem Alpbetrieb» bewilligt werden. Auch abseits des Schulkalenders ist die Alpsaison ein eindrückliches Beispiel für ein Leben im Rhythmus der Jahreszeiten.
Im Jahr 2023 wurde sie auch deshalb von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe ernannt. In der Begründung des Bundes heisst es: «Vieh zum Sömmern auf hochgelegene Weiden zu treiben, ist eine lebendige Tradition, die spätestens seit dem Mittelalter belegt ist. Seither wurde die Alpsaison laufend den lokalen klimatischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen angepasst.»
Auch Uri ist von der Alpwirtschaft geprägt, noch heute machen Alpweiden laut der Korporation Uri rund ein Drittel der kantonalen Fläche aus. Zwar lässt sich daraus kein direkter historischer Bezug zu den heutigen Sommerpausen von Museen, Cafés oder Restaurants herstellen, doch der Einklang mit dem Rhythmus der Jahreszeiten und die Kompetenz, sich wechselnden Bedingungen anzupassen, scheinen hier tief verwurzelt.
Gerade diese Fähigkeit gewinnt auch aktuell an neuer Bedeutung. Die vergangenen Wochen waren geprägt von Diskussionen über die anhaltende Hitzewelle und die Frage, wie wir künftig mit immer häufigeren Wetterextremen umgehen werden. Die Klimaforscherin Sonia Seneviratne der ETH Zürich schreibt in einem aktuellen Meinungsbeitrag, eine Hitzewelle im Juni sei «deutlich einschneidender als eine im Juli oder August, weil dann ein Grossteil der Bevölkerung noch vollumfaenglich aktiv ist» und auch in verschiedenen Schweizer Medien wurde diskutiert, wie der Arbeitsalltag sich den neuen Temperaturen anpassen kann und muss.
Vielleicht lässt sich die sommerliche Ruhe Altdorfs also nicht nur als nostalgische Eigenheit einer Bergregion interpretieren, sondern auch als zukunftsweisendes Modell: Sommerpause für alle? Bis dahin erfreue ich mich der offenen Türen der Betriebe, die der Hitze trotzen, suche Erfrischung beim Bad im See und freue mich auf viele weitere Begegnungen mit den Urner:innen.