Sich das erste Mal in einem neuen Gebiet aufhalten, es zu betreten, ist für mich wie das erste Mal in einem neuen Klassenzimmer zu sein, wie der erste Arbeitsplatz nach dem Studium oder das erste Mal in einer neuen Wohnung. Die Augen, Ohren, die Nase, alle sensorischen Systeme sind offen für die einstürmenden Eindrücke. Das emotionale Gleichgewicht gerät ins Wanken.
So ging es mir, als ich heute das erste Mal in Altdorf aus dem Zug gestiegen bin. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich kein Mensch der Berge, sondern der Stadt bin -und Natur in dieser spektakulären Erscheinungsform wie hier besonders beeindruckend auf mich wirkt.
Was sehe ich? Einen von der Sonne verhangenen Dunstschleier über weissen Stofffetzen die ein Riese über schroffe, sich steil auftürmende Bergformationen hinabgeworfen zu haben scheint. Dieser märchenhafte Eindruck wird allerdings schon auf dem Tellplatz wie mit einem Hammer zerschlagen. Märchen haben an der verkehrsreichen Einfallstrasse durch den Ort nur wenig Raum.
Der Transitverkehr, der einerseits über die Autobahn führt - weit entfernt und dennoch spürbar -, donnert tagsüber, wenn auch reduziert, ungerührt durch die engen Strassen am Telldenkmal vorbei. Ich erwische den Dunst des Märchenbehafteten aber sofort wieder, sobald ich zum alten Kulturkloster Altdorf die Treppen nach oben steige und von dort aus das ganze Tal überblicken kann. Obwohl noch nicht sehr hoch, hat man von hier oben den Eindruck, alles Wichtige überschauen zu können.
Gitschen, Uri Rotstock, Bälmeten und Hoch Geissberg liegen mir gegenüber, die Urner Alpenkette, die zu dieser Zeit, Anfang März, mit ihren auslaufenden Schneehängen noch von besagtem Riesen bewohnt wird. Zwischen mir und der gewaltigen Bergkette das Reusstal mit dem hineingeschmiegten Städtchen Altdorf, das zwischen Moderne und Tradition seinen Platz gefunden hat. Aber Transit? Von hier oben ist, ausser einem kaum wahrnehmbaren rauschen, nichts mehr davon zu spüren.
Mich zieht vielmehr das an, was hinter mir steil in die Höhe wächst: der Weg in den Bannwald. Als Kind hätte ich jetzt geglaubt, das habe etwas mit Verwunschenem zu tun, mit Ausgestossenen, mit Robin Hood und den Verbannten, die in Höhlen leben und einen anderen Weg zum Überleben gefunden haben.
Meine Hoffnung in eine geheimnisvolle Welt einzutreten, trifft dann allerdings auf die pragmatische Wikipedia-Erklärung meines Smartphones. Schon 1387 wurde der Wald so benannt - was natürlich jeder Urner weiss, nur der naive Zugezogene nicht. Durch den damals verfassten Bannbrief wurde der Wald unter Schutz gestellt: Holzschlag und Weide wurde verboten, um die Schutzwirkung vor Rüfen, Lawinen und Steinschlag zu erhalten.
Doch neben allen pragmatischen Erklärungen - etwa: «Sie betreten jetzt den Lernpfad schutz.wald.mensch» - entsteht nach kurzer Wanderung doch etwas, das ich Stadtmensch als magisch bezeichne. Engel mit goldenen Ketten, Drapolinge, knorrige Stämme, weit ausufernde Mooslandschaften. Hier, tief im Bannwald, darf ich einfach nur bei mir sein. Alles, was mit Verkehrsachsen, Durchzugsorten, dem von hier-nach-da-und-alles-ohne-Pause zu tun hat, verschwindet von jetzt auf gleich.
Auch das weiss der Urner – und ist zu Recht stolz darauf. Denn der Transitverkehr, der «zu allen Zeiten» Teil der Lebensrealität war, hat das einst arme Gebirgstal früh zu dem heutigen europäischen Logistikstandort gemacht.
Ich kehre zurück zum Kulturkloster, setze mich auf die vorgelagerte Steinmauer und versuche, die Gegensätze zusammen zu fassen: einerseits das «Gehirn» - Filter des Transitverkehrs, andererseits diese Ruhe. Ich bleibe sitzen. Vielleicht ein wenig länger.
Am Rand der Linie – zum ersten Mal erkunden Stipendiaten am Urner Institut Kulturen der Alpen, warum Uri soviel mehr ist, als ein Nadelöhr auf der wichtigsten Nord-Süd-Achse Europas. In einer Kolumnenserie teilen sie Geschichten der besonderen Art.