In der Nähe des NEAT-Nordportals, zwischen Erstfeld und Schattdorf, in der Gegend Rynächt, verläuft ein hübscher, kleiner Bach namens Walenbrunnen. Dort setze ich mich nach einem Spaziergang von Erstfeld her dem Radweg und dem renaturierten Gewässer entlang, auf ein Bänkli neben einem Sportplatz und dem Clublokal des kynologischen Vereins Uri. Ich sehe zahlreiche Vögel in den jungen Bäumen und Büschen herumschwirren. Ein Hinweisschild macht mich darauf aufmerksam, dass auch der Eisvogel und die Seeforelle sich hier wieder angesiedelt haben. Der Bach, oft «stille Reuss» genannt, zumindest weiter unten in seinem Verlauf, war vor mehr als hundert Jahren schon beliebt «wegen seiner Forellen», wie Carl Spitteler in seinem Reisebericht von 1897 schreibt.
Als «ökologische Ersatzmassnahme» wurde das Gewässer nach dem Bau des Gotthard-Basistunnels zwischen 2007 und 2016 auf einer Länge von etwa 3 Kilometern «revitalisiert». «Aus dem monotonen Meliorationskanal», schreibt die mit der Umsetzung betraute Baufirma, «wurde ein ökologisch wertvolles Fliessgewässer». Der Umbau war nötig, weil die Neubaustrecke der Bahn den bestehenden Bachverlauf querte. «Er wurde deshalb 100 Meter nach Süden versetzt.» Auf historischen Karten (von vor 2012) ist zu sehen, dass genau da, wo ich jetzt sitze, bei diesem neuen Bänkli am Bach, vor ein paar Jahren noch die Bahnlinie durchführte. Auch den Sportplatz und das Hundetrainingslokal gab es folglich damals noch nicht. Der Walenbrunnen verlief als Kanal zwischen Hauptstrasse und Bahnlinie. Er diente dazu, die Felder zu entwässern und ihre Bewirtschaftung zu erleichtern. Auf älteren Karten ist ersichtlich, dass die Kanalisierung, beschlossen an der Landsgemeinde 1919, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts vorgenommen wurde. In den Jahren davor sind verschiedene Arme sichtbar und das Land war wohl eher sumpfig.
Hinter den neu gepflanzten Büschen sehe ich Autos und Lastwagen über die Gotthardstrasse fahren; von Zeit zu Zeit verschwinden Güter- und Personenzüge in der neuen Tunnelöffnung; das geschieht ziemlich lautlos. Unmittelbar vor dem Portal befindet sich eine Bretterbude, die Lachs aus Schweizer Zucht verkauft. Dieser stammt allerdings nicht aus der Region Uri, wie ich dem Aushang vor der Hütte entnehme. Nur wenige Meter weiter Richtung Erstfeld, auch von hier aus sichtbar, gibt es aber ein gigantisches Projekt «zur Produktion von bis zu 1200 Tonnen» Zander in der ehemaligen Abwasserreinigungsanlage. «Das aus dem Nordportal des Gotthard-Basistunnels austretende, auf 14 bis 16°C temperierte und qualitativ einwandfreie Bergwasser wird als Ressource für die Fischzucht genutzt», schreiben die Betreiber. Die Firma ging jedoch unter anderem wegen hoher Energiekosten Konkurs. Die Anlage wurde offenbar 2024 von einer Lachszuchtfirma aus dem Tessin übernommen, die nun auch die Bretterbude, Hofladen genannt, betreibt.
Wenn ich immer wieder hierherkäme, könnte ich vielleicht beobachten, wie die Seeforelle vom Urnersee durch die Reuss bis hier hoch schwimmt, um zu laichen – während daneben biologischer, alpiner Lachs gezüchtet wird. Ich denke an ein Gedicht von W. G. Sebald über Stare auf dem Dach eines Warenhauses in Glasgow, bleibe noch eine Weile sitzen und versuche, mich nicht zu bewegen, um die Bachstelzen nicht zu vertreiben, die über den neugepflanzten Büschen und ihren zarten Blüten flattern.