Am Rand der Linie – zum ersten Mal erkunden Stipendiaten am «Institut Kulturen der Alpen», warum Uri soviel mehr ist, als ein Nadelöhr auf der wichtigsten Nord-Süd-Achse Europas. In einer Kolumnenserie teilen sie Geschichten der besonderen Art. Den Auftakt macht die Schriftstellerin Seraina Kobler mit einer Trouvaille über die Urner Fledermausmännchen, die ziehenden Weibchen ein spezielles Angebot unterbreiten …
Es ist ein früher Herbsttag, Wolken haben sich über Nacht auf die Berge gelegt. Doch als die Sonne kommt, wird es gleich warm. Mit leichtem Gepäck brechen wir am Bahnhof Altdorf auf, noch weist nichts darauf hin, wie abenteuerlich die Reise werden würde. Wir bewundern die Farbe des Sees, bis das Postauto mit einer scharfen Kurve den Berg hinauf sticht.
«Lieber dunkel als tot», sagt die Tochter, als wir in einen der düsteren Tunnel einbiegen, dem Fels abgetrotzt und die Millimeterarbeit vom Chauffeur verlangen. Aufatmen, als wir in Isenthal ankommen, wo stolze Namen der Neugeborenen an den Schindelfassaden hängen. Und doch dauert es nicht lange, bis unser Puls wieder kollektiv ansteigt, mit jedem Meter, den das pinke Seilbähnchen zur Gitschenen-Alp hoch schwebt.
Oben erwartet uns eine andere, steinige Welt. Kühe oberhalb der Baumgrenze, wie an den Hang geklebt. Auf dem Grat ein Kreuz beim Stockzahn, Ringsegen in der Kapelle. Es wird klar, dass die Erbittung himmlischer Kräfte in diesen abgelegenen Gegenden nicht nur eine historische Berechtigung hat. Doch das hat nicht nur für den Menschen seine Gültigkeit, wie später an diesem Tag ein paar in der Dämmerung flatternde Pipistrelli erinnern.
Manche der bedrohten Fledermausarten haben ihre Wochenstube diesseits der Alpen, etwa in der Kirche Göschenen, wo sie dann auch gleich auch Winterschlaf halten. Andere hingegen ziehen durch ganz Europa. So auch der kleine Abendsegler, eine der letzten noch verbliebenen Fledermausarten. Die Tiere ziehen aus Polen über den Gotthard, bis in die Tessiner Kastanienselven. Gerade, wenn die berühmten Urner Winde gehen, ein nicht ungefährliches Unterfangen. Geraten die Weibchen in Not, bieten die ansässigen Urner Männchen ihnen Obacht in ihren Höhlen an.
Ein freundliches Angebot, aber weniger uneigennützig, als es scheint: Denn sie fordern als Miete eine Begattung ein. Während die Männchen danach zufrieden mit ihrem vermeintlichen Erfolg in ihren Höhlen sitzen bleiben, ziehen die Weibchen weiter gen Süden, sobald sich das Wetter bessert. Da sie ihren Fortpflanzungszyklus aber entkoppelt haben, werden die Spermien vorerst nur im Uterus gespeichert. Und die Weibchen entscheiden, welche der verschiedenen, während der Reise gesammelten Proben, sie am Leben erhalten – und welche sie gezielt abstossen.
Erst Monate später, nach dem Aufwachen aus dem Winterschlaf, bestimmen sie, wessen Gene weiterfliegen dürfen und wählen die geeignetsten aus. Und so findet die Natur in ihren zig Spielformen auch in dieser Gegend, wo die Felswände mächtig und alles andere klein erscheint, ihre eigenen Wege, um sich weiterzuentwickeln. Allen Hindernissen und scharfen Winden zum Trotz.