Berge und Waelder
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Wer, wenn nicht die Reuss? - Andrea Keller

Wer, wenn nicht die Reuss?

In der Sprache der Māori, habe ich gelesen, kann man Fremde mit der Frage begrüssen: “Ko wai koe?” – “Wo sind deine Wasser?” Meine Wasser sind die Glatt und der Rhein im Zürcher Unterland. Die beiden Flüsse vereinen sich da, wo ich aufgewachsen bin. Denke ich zurück, schwimmen milchfarbene Schaumberge durch die Erinnerungen, und verflochtene Algenteppiche färben das Wasser grünlich. Fast unvorstellbar, aber wahr: Meine Kinderhaut hat die Glatt nie berührt. Zu verschmutzt, zu vergiftet, zu gefährlich! Dafür gab’s sonnenwarme Sommertage im Rhein, etwas weiter stromaufwärts. Vom Boot aus sind wir ins Nass gesprungen, den Rudernden nachgeschwommen, prustend und sorglos. Damals war mir nicht bewusst, wie sehr dieser Fluss schon um sein Leben gekämpft hatte. Zeit- und stellenweise nannte man ihn “die Kloake Europas”.

Heute geht’s auch der Glatt besser. Gewässerschutz sei Dank. Und doch sind unsere Flüsse und Bäche und Seen gefährdet, nicht zuletzt durch die klimatischen Veränderungen, die immer spürbarer werden. Gerade auch hier, im Alpenraum, wo Schnee ausbleibt, die Gletscher schmelzen.

Wo sind Ihre Wasser?

Einem Grossteil der Menschen, die im Kanton Uri aufgewachsen sind, dürfte bei der Frage auch die Reuss von der Zunge sprudeln. Sie, die “Mächtige”, entspringt unweit des Rheins, mit dem sie sich – via Aare – dann bei Koblenz vereint. Die Reuss speist sich aus mehreren Quellflüssen und Bächen, die vom Gipfelkranz der Urner Berge herunterrauschen. Einmal auf dem Talboden aufgedonnert, strömt sie kanalisiert und gebändigt dem Urnersee entgegen, durch das demografische, wirtschaftliche und infrastrukturelle Zentrum des Kantons. Mir wurde verraten, dass die Reuss Uris beste Steuerzahlerin sei. Eine Naturkraft, die über Wasserzinsen und Dividenden aus der Wasserkraftwirtschaft den Staatshaushalt speist, eine ökonomische Lebensader. Und zugleich ein wertvolles Ökosystem, Wegbereiterin und Begleiterin des Transits, Freizeitgefährtin, Ausbrecherin, Urgewalt. Ihrem schnurgerade gezogenen Bett in der Ebene ist sie schon tobend entstiegen. Unter Extrembedingungen können Ströme zu unbeherrschbaren Phänomenen werden. Es verwundert wenig, dass Flüsse in Mythen als eigenständige und handlungsfähige Wesenheiten in Erscheinung treten.

Die Reuss ist mehr, als ich hier aufzählen kann. Aber eines ist sie nicht, jedenfalls noch nicht: eine anerkannte Rechtspersönlichkeit. Wäre sie das, könnten auserkorene Vertreterinnen in ihrem Namen vor Gericht ziehen und klagen; bei Verschmutzung, bei Übernutzung, bei Gefährdung. Der Gewässerschutz, den wir heute kennen, ist klassisches Umweltrecht. Flüsse gelten darin als Objekte, die es im Interesse der Menschen zu schützen gilt. Das ist schon mal gut. Aber ist es genug? Angesichts der globalen Erwärmung und des fortschreitenden Artensterbens gewinnt die “Rights of Nature”-Bewegung weltweit an Zuspruch, und auch ännät am Vierwaldstättersee tut sich was: In Luzern hat das Initiativkomitee der Reuss-Initiative unlängst 5’460 beglaubigte Unterschriften bei der Regierung eingereicht. Deren Forderung: “Geben wir den Gewässern die Rechte, die sie als Teil unserer Gesellschaft verdienen.“ Die Reuss, so Initiant Markus Schärli, soll als kraftvoller, dynamischer Fluss aus den Alpen in Luzern zur Vorkämpferin werden.

Man stelle sich vor, was bei Erfolg des Vorstosses in Bewegung käme. Im Namen einer mitreissenden Urnerin, die nicht nur geografisch dem Zentrum des Landes entspringt, sondern auch historisch und mental. Wären Sie fasziniert und stolz darauf, wenn Ihr Fluss als lebendiges Gegenüber diese Geschichte schreibt? Finden Sie die Vorstellung “gschpunnä”? Regen Sie sich sogar darüber auf? Wie gern würde ich jetzt Ihren Gesichtsausdruck sehen, mit Ihnen in den Austausch gehen.

Ko wai koe?

Im Jahr 2017 verabschiedete das neuseeländische Parlament übrigens das “Te Awa Tupua”-Gesetz, welches dem Whanganui River den Status einer juristischen Person verlieh. Ganze 140 Jahre hatten Vertreterinnen und Vertreter der indigenen Bevölkerung dafür gekämpft. Auch in Kolumbien, Ecuador, Bolivien, den USA, Bangladesch, Kanada haben die Regierungen einzelnen Gewässern vergleichbare Rechte zugestanden. Auf dem europäischen Kontinent ist Spanien das Vorreiterland: 2022 wurde die Salzwasserlagune Mar Menor als Rechtssubjekt anerkannt. ... Gewässer mit eigenen Rechten, das klingt verrückt. – Oder sind wir vielmehr verrückt, ihnen keine zu geben?

Am Rand der Linie – zum ersten Mal erkunden Stipendiaten am Urner Institut Kulturen der Alpen, warum Uri soviel mehr ist, als ein Nadelöhr auf der wichtigsten Nord-Süd-Achse Europas. In einer Kolumnenserie teilen sie Geschichten der besonderen Art. Mit der Reuss beschäftigt sich Andrea Keller. Die Autorin hat uns aus Luzern die Frage mitgebracht, ob die beste Steuerzahlerin im Kanton Uri ein Rechtssubjekt werden soll. Diese und weitere Fragen können im Rahmen des Kultur-Cafés vom 18. März 2026 im Kulturkloster Altdorf eingehend mit der Autorin diskutiert werden. Weitere Informationen unter www.kulturen-der-alpen.ch.